HOME Ein Film von Patric Chiha
A/F 2006, OmdU, 50 min
SYNOPSIS
HOME ist das wundervolle Doppelportrait eines heimatlosen Ex-Österreichers und seiner lebenshungrigen Mutter, deren abenteuerliche Nachkriegsbiographie in der Erinnerung des Sohnes rekonstruiert wird.
Die Geschichte ist bestechend einfach: Fouad, der in Frankreich lebt, fährt mit seinem halb so alten Geschäftspartner in geschäftlicher Mission in die Ramsau, wo er in seiner Kindheit und Jugend die Sommer verbracht hat. Unter dem Vorwand die Firma Lodenwalker finden zu müssen, unternehmen sie lange Spaziergänge durch Wiesen und Wälder, rasten in einer Kirche mit verblichenen Fresken, treffen auf eine Jugendliebe und evozieren in ihren Gesprächen ein Beirut und die Welt der Mutter, die es nicht mehr gibt. „Meine Filme handeln von Menschen, die Ordnung in ihre Gedanken und Erinnerungen bringen wollen. Gleichzeitig aber übertreiben sie. Sie wollen der Wirklichkeit nahe bleiben, können es aber nicht lassen, Geschichten dazu zu erfinden. Die Suche nach den richtigen Wörtern ist ein zentrales Thema in meiner Arbeit. - Patric Chiha
HOME ist der erste längere Spielfilm des jungen, in Frankreich lebenden österreichischen Regisseurs Patric Chiha. Der großartige französische Schauspieler Alain Libolt, der vor allem aus Rohmer Filmen bekannt ist, spielt die Rolle des Fouad, Julien Lucas die des jungen Geschäftspartners. Claudia Martini ist die österreichische Jugendliebe.
BIOGRAFIE
Geboren 1975 in Wien. Studiert zuerst Modedesign in Paris, dann Schnitt an der Filmhochschule in Brüssel. Lebt und arbeitet als Filmemacher in Paris. Bereitet seinen ersten Langspielfilm vor. Filme: Casa Ugalde (KF 2004), Die Herren (Dokumentarfilm 2005), Home (Spielfilm 2006).
CREDITS
Buch und Regie: Patric Chiha
Kamera: Antoine Parouty
Schnitt: Annette Dutertre
Ton: Bruno Pisek
Ausstattung: Tatia Skhirtladze
Maske: Wiltrud Derschmidt
Licht: Arthur Höfinger
Aufnahmeleitung: Bernhard Klaffensteiner
Produktion:
Ebba Sinzinger, Wildart Film
Charlotte Vincent, Aurora Films
Verleih: Docuzone Austria, sixpackfilm
Vertrieb: sixpackfilm
FESTIVALS
HOME war eine Proposition des Viennaledirektors. Der Film wurde auf der Viennale 06 und auf der Diagonale 07 mit großem Erfolg gezeigt, ebenso in Portugal bei IndieLisboa. In Frankreich wurde HOME beim renommierten Kurzfilmfestival in Belfort/Entrevues begeistert aufgenommen und beim Festival Pantin/Côté Court mit dem „Prix de la Presse“ und dem „Prix Emergence“ ausgezeichnet.
STIMMEN
„Home spielt in der steirischen Ramsau, und selten hat man ein ähnliches Bild vom Eigenen gesehen. Ein Bild von geradezu schmerzhaft genauer Anmutung, unprätentiös und einfach im Ganzen und in jedem Detail. Soviel Heimat war noch nie, und unwillkürlich denkt man an eine Notiz von Peter Handke: „Österreich, das Fette, an dem ich würge“. Home ist ein außergewöhnlicher, liebevoller und trauriger Heimatfilm und Horrorfilm zugleich.“ - Hans Hurch, Viennale
Home – Eine Heimatfiktion
Patric Chiha ist ein erstaunlicher Übersetzer des Fremden im Vertrauten, das er in seinem ersten Spielfilm Home als grundlegendes Lebensgefühl inszeniert. Mittel und Weg dazu sind ihm wie bereits bei seinem grandiosen Kurzfilm Casa Ugalde (2004) das Verbalisieren von Erinnerungen, gerade so, als wären Erinnerungen bereisbare Länder, in deren verborgensten Winkeln die Suche nach neuen Fiktionen beginnen kann. Home ist eine sanfte und schmerzliche, eine schonungslose und doch gnädige Expedition in das für Reisende oft amputierte Etwas, das „Heimat“ heißen könnte.
Fouad (Alain Libolt) lebt in Frankreich, ist würdige Sechzig und bereit für philosophisch aufgeladene Gefühlswelten, bereit für eine innere Konfrontation, die jahrelang auf später verschoben schien. Er ist Weltbürger, einer, den seine Odyssee in jugendlichem Alter aus dem mondänen Vorkriegs-Beirut in ein trauriges Wien führte, dasselbe Wien, dessen düstere Nachkriegsenge seine Mutter einst gegen ein orientalisches Paradies ausgetauscht hatte. In Beirut erlangte sie Ruhm als Tänzerin, mußte jedoch unter dem Vorwurf, ihren Mann ermordet zu haben, mit dem halbwüchsigen Fouad nach Österreich zurückkehren. Nun führt ihn nach so vielen Jahren ein Geschäftsauftrag aus Frankreich zurück in jene steirischen Region, wo er vor langer Zeit als Jugendlicher mit seiner Mutter auf Sommerfrische zu sein pflegte. Erinnerungen wie Wolkentürme vor einem schweren Gewitter scheinen in den Wäldern und Häusern zu leben. Die Zeit ist gekommen, die Geschichte seiner Mutter zu vergegenwärtigen und die ungestillte Sehnsucht nach einem Happy End, das im Leben nie stattfindet. Zeit auch, die einstige Geliebte wieder zu spüren und nach dem Grab der Mutter zu fragen. Das allerdings wurde verlegt, nachdem es mit Aufschriften wie „Araberhure“ geschändet worden war.
Man ahnt, dass Fouad in Frankreich einem ruhigen Leben nachgeht. Die unverhoffte Rückkehr löst einen unbändigen Monolog in ihm aus, voller Wortwirbel und verbaler Engpässe. Bedächtig und sich selbst korrigierend, ringend um Genauigkeit, Tiefe und Erkenntnis bewegt sich hier einer durch ein äußeres Idyll hin zu den tiefsten, markantesten Spuren in ihm selbst. Wie ein Besessener setzt Fouad das Leben seiner Mutter aus verschütteten Erinnerung in Worten frei – und während er Nähe schafft, bleibt er auf geradezu bizarre Weise Fremdkörper an den Schauplätzen seiner Jugend. Nichts scheint sich hier in den Bergen zu verändern, so unantastbar wirkt die Landschaft, dass sich keine Lebensspuren dauerhaft niederlassen wollen, als wäre sie gegen ihr Eindringen imprägniert.
In kaum einem österreichischen Film entstehen Bilder von Österreich so nackt und direkt. Österreich ist auf perfekte, doch hintergründige Weise das, was die von Tourismusfonds geförderten Filmprojekte für hiesige Dreharbeiten anstreben: Kulisse. Doch in Home hat dies keinen Werbeeffekt, vielmehr ist die Kulisse diesmal zentrale Protagonistin, eine schweigende Anwesenheit, die Echo zurückwirft, aber keine Befragung zuläßt.
Keine schönere, in ihrer Einfachheit bestechende Eröffnungssequenz hätte Chiha finden können, als die Autofahrt der zwei schweigenden Geschäftsmänner durch die dämmrigen Wälder bei ihrer Ankunft, während auf der Tonspur eine libanesische Interpretation von Mozarts 40. Symphonie erklingt. Die makellose Tiefenschärfe der Österreichbilder wird in kurzen Einschüben konterkariert: Chiha hat 8mm Aufnahmen montiert, die das für immer zerstörte Beirut vor dem ersten Libanonkrieg zeigen. Home ist ein schnörkelloses Stück Kino. Seine magische Sogkraft erwächst der konzentrierten Darstellung und Umsetzung eines Themas, das nichts mit Identität, aber alles mit Geborgenheit zu tun hat: Die Unmöglichkeit, sich zu Hause zu fühlen, die Unmöglichkeit zurück zu kehren als archetypische Motive.
- Verena Teissl View trailer www.claudiamartini.com
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